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Copyright: (c) 2011 Matthias Jenke

ISBN 978-3-8442-0301-1

 

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Nachfolgend ein paar Leseproben...

 

Er atmete langsam und konzentriert. Der Wagen rollte heran, kam vor dem Gebäude zum Stehen. Er sah die Fahrerin im Fadenkreuz seines Zielfernrohres, wartete bis sie den Zündschlüssel gedreht und den Motor ausgeschaltet hatte. Noch einmal tief einatmen, den Druckpunkt des Abzugs suchen, dann ausatmen, die Luft anhalten. Der Lauf seines Gewehres war absolut ruhig, als er den Finger krümmte und den Schuss auslöste. Die Fahrerscheibe zerbarst, der Kopf der Fahrerin zerplatzte in einem roten Nebel aus Blut. Sie fiel vornüber auf das Lenkrad.

„Du kennst Vinnie?“

Marco blickte von Tony, der die Frage gestellt hatte, zu Vinnie, einem schmalen Kerl mit Wieselgesicht.

„Sicher.“ sagte er. „Ich kenne Vinnie.“

Tony nickte zufrieden. Ein großer Mann mit dickem Bauch und Knollennase, gefährlichen Augen und einem grausamen Zug um den Mund. Seit sein Onkel Salvatore die Geschäfte an ihn übergeben hatte, war Tony Oberhaupt der Familie. Wer ihn sah, wusste warum.

Als er die Tür öffnete war es längst zu spät. In wenigen Minuten würden sie kommen, um den „Boss“ zu warnen, aber dann hatte er getan, weswegen er gekommen war.

Der Mann hinter dem großen Schreibtisch sah auf, als er das dunkle Büro betrat und die Tür sanft hinter sich schloss. Ein großer, kräftiger Mann mit breiten Schultern und mächtigem Bauch, mit einem groben, pockennarbigen Gesicht in dem eine breite Nase über den wulstigen Lippen thronte, überschattet von buschigen, durch und durch ergrauten Augenbrauen. Die kleinen, dunklen Augen erinnerten an Schweineaugen. Ihr Blick war durchdringend und stechend. Ein hässlicher, grausamer Mann, den er nur als „Boss“ kannte.

Panisch kroch der junge Mann aus dem Schacht ans Tageslicht empor. Er wühlte sich aus dem Schutt, klopfte zitternd den Schmutz von seinen Hosen und sah sich benommen um. Die Straßen waren menschenleer. Trümmer lagen auf dem Kopfsteinpflaster, Staub hing in der Luft, aufgewirbelt vom letzten Einschlag.

Benommen trat er einen Schritt nach vorn, sah sich um, fasste sich an die Stirn. Er hatte einen Weg aus der Stadt gefunden. Fort vom Krieg, fort von der Belagerung und fort von den Kanonen, die die Stadtmauer in Trümmer schossen, die Verteidiger in Fetzen rissen und die Wälle mit blutigen Stümpfen überhäuften. Fort von dem Schrecken, dem Horror und der Angst.

Einen Weg nach draußen.

1

Trotz des wilden Blicks, mit dem der Fremde plötzlich vor ihr aufgetaucht war und sie am Arm gepackt hatte, und trotz der Tatsache, dass sie durchnässt vom herabströmenden Regen, vor Kälte zitternd, in der dunklen Fußgängerunterführung stand, die ihr schon bei Tageslicht einen Schauer über den Rücken jagte, verspürte sie bei seinem Anblick keinerlei Furcht. Es war Nacht, weit und breit keine Menschenseele, die sie um Hilfe hätte anrufen können, nur dieser Fremde, der urplötzlich aus dem Dunkel auf sie zugesprungen war – und doch fühlte sie Mitleid. Mitleid und etwas anderes, das sie nicht benennen konnte.

Der Mann starrte sie an, dann seine Hand, als wurde ihm erst jetzt bewusst, dass er mit eisernem Griff ihren Arm umklammerte, dann ihre Augen.

„Dein Onkel hat es nie leicht gehabt.“ sagte Heloise, als sie sich neben mir auf die Couch setzte und meine Hände nahm. „Er ist immer ein Außenseiter gewesen; er hat nicht in seine Umgebung gepasst, und seine Umgebung konnte ihn nicht akzeptieren. Also ist er fortgelaufen.“

„Schon als Junge.“ murmelte ich. Ich erinnerte mich der Geschichten, die mein Vater mir widerwillig erzählt hatte.

„Schon als Junge.“ stimmte Heloise zu. „Als junger Mann. Er packte seine Sachen und verließ sein Zuhause, ohne sich von seinen Eltern und seinen Geschwistern zu verabschieden. Er verließ eine Heimat, die ihn einzwängte und ihn nicht verstand und zog hinaus in eine Welt, die ihm alle Möglichkeiten bot. Eine Welt, in der er auf sich allein gestellt bestehen musste, oder in der er zu Grunde gehen würde.“

1

„…einsam. Darauf müssen sie gefasst sein!“

„Das ist kein Problem.“

„Andere sind daran zerbrochen. Menschen brauchen Gesellschaft!“

„Der Mensch hat seinen Geist. Wozu brauche ich einen anderen Menschen, solange ich einen funktionierenden Geist besitze?“

„Für deine Mutter ist es besser so.“

„Hat auch lange genug gedauert!“ Die Stimme belegt und verschwommen.

„Wer weiß, wofür es gut war?“ murmelte Ralf.

„Wofür soll es schon gut gewesen sein?“ Sein Freund schien unsicher, ob er weinen oder zornig aufschreien sollte. Es wurde eine Mischung aus beidem.

Ralf goss ihnen beiden einen Schnaps ein.

„Die vierte Nacht in Folge.“

„Schläfst du immer noch so schlecht?“

Bernd nickte. Sein Schädel pochte, das Sonnenlicht schmerzte in seinen Augen, als hätte er am Abend zuvor zuviel getrunken.

„Du solltest zum Arzt gehen.“

„Weil ich nicht schlafen kann?“

„Schadet doch nichts.“