Panisch kroch der junge Mann aus dem Schacht ans Tageslicht empor. Er wühlte sich aus dem Schutt, klopfte zitternd den Schmutz von seinen Hosen und sah sich benommen um. Die Straßen waren menschenleer. Trümmer lagen auf dem Kopfsteinpflaster, Staub hing in der Luft, aufgewirbelt vom letzten Einschlag.

Benommen trat er einen Schritt nach vorn, sah sich um, fasste sich an die Stirn. Er hatte einen Weg aus der Stadt gefunden. Fort vom Krieg, fort von der Belagerung und fort von den Kanonen, die die Stadtmauer in Trümmer schossen, die Verteidiger in Fetzen rissen und die Wälle mit blutigen Stümpfen überhäuften. Fort von dem Schrecken, dem Horror und der Angst.

Einen Weg nach draußen.

„Elisabeth.“ murmelte er.

Sie war jetzt das wichtigste. Durch die Stadt, zum Haus ihres Vaters laufen, sie aus dem Haus holen, mit ihr zurückkehren zu dem Loch in der Mauer, dem Eingang in die Kanalisation, auf die er durch Zufall gestoßen war, und dann unterirdisch weiter, unter der Stadtmauer hindurch, in die Kloake jenseits des Hügels. Ein langer Weg durch die Dunkelheit. Ein Weg, den sie sich mit Ratten teilten und den Abfällen und Exkrementen der Stadt. Es stank erbärmlich, die stickige Luft war kaum zu ertragen, aber dahinter wartete die Freiheit. Er hatte den Tunnel durchquert, hatte herausgefunden, was sich am anderen Ende befand, und der Feind kannte den Ausgang nicht. Sein Lager hatte der Gegner einen guten Kilometer weiter westlich aufgeschlagen, seine Streitmächte waren weit abseits der Kloake postiert. Im Schutz der Dunkelheit war es möglich, zu entkommen. Sobald sie den Tunnel durchquert hatten und in die Freiheit gekrochen waren, konnten sie sich zum Fluss durchschlagen, und von dort aus weiter fliehen. Innerhalb von zwei Tagen wären sie so weit fort, dass sie von den Gräueltaten nichts mehr mitbekamen.

Er lief los.

Die Stadt hatte sich verändert. Die Einschläge der Kanonen hatten Gebäude zertrümmert, hatten Straßen aufgerissen, hatten Plätze vernichtet und Trümmerberge geschaffen, wo vorher Häuser gestanden hatten. Die Stadt war zernarbt und verbrannt, kaum wiederzuerkennen, selbst für ihn, einen 20jährigen, der in ihren Straßen aufgewachsen war und kaum etwas anderes in seinem Leben gesehen hatte. Einzelne Häuser erkannte er, dann aber fand er sich straßenweise in einer trostlosen, schwelenden Landschaft wieder, die nichts mit dem gemein hatte, was er seine Heimat nannte.

Mit gesenktem Kopf lief er weiter.

In der Ferne hörte er den Donner der Kanonen. Die Geschütze konzentrierten sich auf den südlichen Teil der Stadt.

[...]