„Dein Onkel hat es nie leicht gehabt.“ sagte Heloise, als sie sich neben mir auf die Couch setzte und meine Hände nahm. „Er ist immer ein Außenseiter gewesen; er hat nicht in seine Umgebung gepasst, und seine Umgebung konnte ihn nicht akzeptieren. Also ist er fortgelaufen.“

„Schon als Junge.“ murmelte ich. Ich erinnerte mich der Geschichten, die mein Vater mir widerwillig erzählt hatte.

„Schon als Junge.“ stimmte Heloise zu. „Als junger Mann. Er packte seine Sachen und verließ sein Zuhause, ohne sich von seinen Eltern und seinen Geschwistern zu verabschieden. Er verließ eine Heimat, die ihn einzwängte und ihn nicht verstand und zog hinaus in eine Welt, die ihm alle Möglichkeiten bot. Eine Welt, in der er auf sich allein gestellt bestehen musste, oder in der er zu Grunde gehen würde.“

„Hat er dir davon erzählt?“

Heloise lachte. „Du kennst Deinen Onkel besser. Er erzählt nicht viel. Aber hin und wieder hat er etwas fallen lassen; und ich habe alte Briefe gefunden. Briefe, Zeitungsausschnitte. Eine Zeit lang hat er sogar Tagebuch geführt.“

„Du hast sein Tagebuch gelesen?“ rief ich aus.

Heloise zwinkerte mir zu.

„Wenn du etwas über deinen Onkel erfahren willst, darfst du nicht zimperlich sein.“ sagte sie. Ihr französischer Akzent war nie so spielerisch und verführerisch gewesen. Ihr Blick versprach, dass sie mich ins Vertrauen zog, und meine Brust schwoll vor Stolz.

„Du hast also…“

Sie nickte.

„Ich bin mir nicht einmal sicher, was stimmt und was nicht.“ sagte sie dann jedoch mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Auch wenn es ein Tagebuch ist, und auch wenn er es versteckt hält… Man weiß nie, ob er es nicht doch so verborgen hat, dass man es finden soll. Dein Onkel liebt das Spiel!“

„Aber du glaubst, was du gelesen hast.“ stellte ich fest.

Heloise betrachtete mich aufmerksam, ihre grünen Katzenaugen durchdrangen mich, und ich hatte das Gefühl, als sehe sie nicht nur mein Äußeres, sondern als betrachtete sie meine geheimsten Gedanken. Nach ihr gab es nur noch eine andere, die so in mich hineinblicken konnte. Aber die kam später.

„Ja.“ sagte sie ernst. „Ich glaube, was ich gelesen habe.“

[...]